Grüß Gott in Taxöldern

Hüthaus und Leichenwei'


von Harald Seidl, Armin Wild und Richard Meier


Hüthäuser gab in den Oberpfälzer Dörfern seit vielen Jahrhunderten und lagen meist etwas abseits vom Dorfkern.

Auch in Taxöldern existierte so ein Hüthaus. Dieses Gebäude am sog. "Hütranger" (an der Rastweiherstrasse, angrenzend an Bügerl und Schwandner Weg) ist schon auf Landkarten Anfang des 17. Jahrhunderts eingezeichnet, so dass man davon ausgehen kann, dass dieses Haus und dessen Vorgängerbauten als Hüthäuser dienten. Man muss sich vorstellen, dass sich das damalige Dorf lediglich auf den Hirschbergweg ausdehnte, und das Hüthaus zu seiner Zeit recht abgelegen stand.

Das schon recht baufällige Hüthaus wurde 1984 von Günther Fleischmann erworben und abgetragen.

Ein Besonderheit in Taxöldern war, dass das Taxölderner Hüthaus (alte Hausnummer 29) bis zuletzt von Frau Maria Schindler (1908-1983) bewohnt wurde - dem Taxölderner Leichenwei'.


Hüthaus und Leichenwei' - diese beiden Begriffe gehören seit Jahrhunderten fest zusammen. Warum?

Die Verhältnisse bezüglich der Hüthäuser und ihrer Bewohner schildern Anton Kiener (+) und Ulrike Gutsch in ihrem Buch „Der Karlhof in Krandorf 1492-1799“ besonders anschaulich:


Die Verachtung der Umwelt gegen die Hirten rührte einerseits daher, dass diese unvermögend waren und damit in der sozialen Hierarchie ganz unten standen; nicht einmal das Hirtenhaus gehörte ihnen, es war Gemeindehaus, das ihnen als Teil des Naturallohns überlassen war. Die Besitzlosigkeit brachte ihnen von vornherein den Blick der Umwelt von oben herab ein.

Dann hatte ihr Beruf mit den Tieren, ihren Krankheiten und Seuchen zu tun. Tierseuchen waren auch in alter schon verhältnismäßig häufig, obgleich damals Massentierhaltung in weiter Ferne und das Futter so natürlich war, wie es nur geht, es also das, was wir als Ursachen für die Tierseuchen unserer Tage sehen, nicht gab. Etwa alle zwei oder drei Jahre erwähnen die Rentamtbücher regelmäßig eine Tierseuche. Und so wurden die Hirten als mögliche Überträger ansteckender Krankheiten gemieden.

Andererseits aber wurden die Hirten gebraucht und arbeiteten für ihr Brot, gehörten also nicht zu nutzlosen Fressern, wie der Volksmund Almosenempfänger bezeichnete, die ihrer Gemeinde auf der Tasche lagen.

Und dann kannten die Hirten die Naturmedizin und geheime Heilmittel, waren auch in abergläubischen Traditionen, dem „Besprechen“ etwa, bewandert, weil die Hirten Tierkrankheiten begegnen mussten. Sie waren von Berufs wegen oft sonderbar, „einschichtig“, denn wenn jemand jahrelang mit den Tieren tagein, tagaus auf der Weide allein ist, stundenlang ohne menschlichen Ansprechpartner, hat er zum Sinnen und Wunderlichwerden viel Gelegenheit.

Daher standen sie im Ruf, anders zu sein als gewöhnliche Menschen, überirdische Kräfte, das zweite Gesicht zu besitzen oder gar im Bund mit dunklen Mächten zu stehen. Sie waren geheimnisumwittert. Damit einher ging bei den Dorfbewohnern eine gewisse Scheu vor ihnen, man sprang nicht mutwillig mit ihnen um, hofierte sie verstohlen gar ein wenig, steckte ihnen hintenrum das eine oder andere zu, um sie für sich gewogen zu halten, verachtete sich nicht vollends, obgleich sie fast geächtet waren, weil man sie ein wenig fürchtete. Die Fluren ließ man von ihnen besprechen und auch das Vieh, und wenn ein Kind oder ein Angehöriger schwer erkrankte und der Himmel sich taub stellte gegen das Flehen um sein Leben, dann schlich man heimlich zu den Hirten, um mit ihrer Hilfe das Schlimmste abzuwenden.

Die Hirtenfrauen waren zumeist auch die Totenfrauen, wuschen und bekleideten die Toten und erledigten das „Leichsagen“, das heißt, sie verkündeten in den Dörfern und den Gehöften, wer gestorben war, wann das Leichenamt und die Beerdigung sei, denn es gab früher keine Zeitungen in den Dörfern.

So standen die Hirtenkreise etwas abseits in der Gesellschaft.




















Die Schindlerin beim Sammeln von Leseholz im Grundloch,
Anfang der 1980er Jahre

In der Vergangenheit mag dies zwar für die meisten Hirten und Hirtenfrauen zugetroffen haben - Frau Maria Schindler war eher das Gegenteil davon. Sie war mit Thomas Schindler (1905-1968) verheiratet und schenkte 10 Kindern das Licht der Welt. Durch ihre Tätigkeit als Leichenwei' war sie weit über die Grenzen des Ortes bekannt und beliebt. Maria Schindler dürfte wohl eine der letzten "Leichenweiber" überhaupt gewesen sein.

Doch was ist überhaupt ein "Leichenwei'"?

Was heute Bestattungsunternehmen professionell erledigen und anbieten, und zwischenzeitlich auch ein Geschäft geworden ist, war bis vor einigen Jahren noch nicht gang und gäbe.

In Taxöldern kümmerte sich in Trauerfällen Frau Maria Schindler um diese Angelegenheiten. Die "Schindlerin" - wie sie alle nannten - wohnte mit ihrer Familie im sogenannten Hüthaus am Hütranger. Im Hüthaus wohnte nach dem Krieg vorübergehend auch der Heimatvertriebene Max Grüner.

Da es noch keine Bestattungsunternehmen gab, verrichtete die Schindlerin bis in die 1970er Jahre in Taxöldern noch teilweise diese Tätigkeiten, ja manchmal sogar auch in den umliegenden Dörfern. Sie war in früheren Jahren zuständig für die Bekleidung der Toten und die würdige Aufbahrung, die meist noch zu Hause im Sterbebett stattfand.

Bis Mitte der 1960er Jahre kümmerte sie sich bei der späteren Überführung, mit der Aussegnung in das Leichenhaus und um alles drumherum. Sie war zuständig für das Rosenkranzgebet am Sterbebett und war auch Vorbeterin während des Leichenzuges von der Kirche zum Friedhof.
















Das Hüthaus, vom GOV-Gerätehaus aus betrachtet.
Unterhalb erkennt man das kleine "Steigerl", das zur
Straße führt.
Zur Tätigkeit des Leichenwei's gehörte auch das "Leichteisog'n". Damit gemeint ist die Mitteilung der Todesnachricht von Haus zu Haus; wer verstorben ist, wann das Rosenkranzgebetes und die Bestattung stattfindet, usw. Für diese Dienste erhielt sie von den Leuten kleines Almosen, das sich, je nach sozialen Stand des Gebers bei 10, 20 Pfennigen oder einem Fuchzgerl bewegte - für die bescheidene Schindlerin eine kleine Aufbesserung des Lebensunterhalts während der kargen Nachkriegsjahre. In ihrer netten und freundlichen Art erläuterte sie die Todesursache, erklärte anschaulich Leidenswege und persönliche Schicksale des Verstorbenen und brachte das Mitgefühl für die trauernden Angehörigen zum Ausdruck. Etwaige Dorfneuigkeiten wurden bei dieser Gelegenheit als Nebeneffekt gleich von Mund zu Mund im Dorf weitergegeben. Durch das betagte Alter und durch gesundheitliche Probleme musste Frau Schindler auch das "Leichteisog'n" Ende der 1970er Jahre einstellen.
Zwar haben Nachrichtenübermittlungen längst die Tageszeitungen und Bestattungsunternehmen übernommen - das "Leichteisog'n" in Taxöldern wird aber bis dato von den Ministranten weiterhin praktiziert - für die Kinder auch eine schöne Gelegenheit, ihr Taschengeld aufzubessern.

Das noch im Original vorhandene, akkurat geführte Buch, in dem die Schindlerin alle Sterbefälle von 1948-1983 in Taxöldern und Umgebung dokumentierte, befindet sich heute wohlbehütet in der Hand eines Sammlers.

Die Ehrung für 40 Jahre treue Dienste durch H. H. Pfarrer Glöckl und dem Pfarrgemeinderatsvorsitzenden Hans Seidl im Rahmen des Pfarrfestes beim alten Turnplatz am 14.08.1983 konnte Maria Schindler krankheitsbedingt nicht mehr in Empfang nehmen, sie verstarb bald darauf am 25.08.1983.
In schöner Erinnerung werden den Taxöldernern auch die Bilder bleiben, wenn die Schindlerin mit ihrem kleinen Leiterwagerl zum Holzsammeln in den Wald fuhr. Und für so manchen Taxölderner Buben war es ein Erlebnis, wenn er auf dem Wagerl mitfahren durfte.



Quellennachweise:
Anton Kiener und Ulrike Gutsch: "Der Karlhof in Krandorf 1492-1799"
Private Aufzeichnungen und Angaben von Anwohnern

Bilder:
Archiv Hans Seidl